Geschichte

Die älteste Jagdhundrasse Europas?

Minoischer Hund

Archäologisches Museum Heraklion

Die Existenz eines Jagdhundes vom Urtyp lässt sich auf Kreta über einen Zeitraum von mindestens 4000 Jahren nachweisen. Zahlreiche archäologische Funde und schriftliche Überlieferungen aus der Antike legten schon seit langem den Verdacht nahe, daß sich dieser Hundetyp über die Jahrtausende hinweg nahezu unverändert erhalten hat. Einige Kynologen und Archäologen vermuteten, daß es sich bei dem heutigen Kretischen Hund um die gleiche Hunderasse handelt, mit der schon die Minoer auf die Jagd gingen und somit um die älteste Jagdhundrasse Europas. Eine umfangreiche genetische Studie, durchgeführt von einer wissenschaftlichen Arbeitsgruppe der Universität Herakleion und dem Naturhistorischen Museum Kretas, hat dieses in ihrem im Juni 2007 veröffentlichten Bericht bestätigt. 2015 wurden im Rahmen der MARS-Studie weitere genetische Tests durchgeführt, mit etwas anderer Zielsetzung.
Die ursprüngliche Herkunft des Kretischen Hundes gibt noch immer einige Rätsel auf. Während bei der ersten Studie keine verwandtschaftlichen Beziehungen zu irgendeiner der bisher untersuchten anderen Hunderassen nachgewiesen werden konnten, brachten die neuen Tests genauere Ergebnisse. Die genetisch am nächsten stehenden Rassen scheinen einerseits andere mediterrane Urtyphunde, insbesondere Cirnecco del Etna und Kelb tal Fenek zu sein, andererseits gibt es eine relative Nähe zum Basenji und zum Kanaan-Hund.

Die Fotos auf dieser Seite stammen aus unterschiedlichen Quellen und wurden uns zur Verfügung gestellt.

Vor- und Frühgeschichte

Felszeichnung aus Algerien

Vereinzelte Funde aus der Steinzeit zeigen bereits Jagdszenen mit stehohrigen, ringelschwänzigen Hunden. Abbildungen dieses Hundetyps fand man auf Felszeichnungen von Nordafrika bis nach Frankreich. Auch auf Kreta wurden vor allem in Kulthöhlen Bilder und kleine Votivfiguren gefunden, die Hunde darstellen.

Die Zeit der Minoer

Die meisten Darstellungen Kretischer Hunde stammen aus der Bronzezeit, der minoischen Epoche (ca. 3000 v.Chr. bis 1100 v.Chr.). Ab ca. 1400 v.Chr. verstärkt sich der Einfluß mykenischer Kunst auf Kreta. Auf Siegeln, Wandfriesen, Keramik und Votivgaben findet man Darstellungen von Hunden, meistens in Verbindung mit der Jagd auf Wildziegen. Die extrem hohe Anzahl im Vergleich zu Abbildungen anderer Tierarten zeigt den hohen Stellenwert, den der Hund offensichtlich bei den Minoern hatte.
Die Siegelsteine, die rechts in der Sidebar zu sehen sind, wurden vorwiegend in den Palastanlagen von Knossos und Kato Zakros gefunden.

Siegelring aus Palaikastro

Dieser Eindruck wird bestätigt durch die Ausgrabungen der British School of Archaology in Roussolakos bei Palaikastro im Osten Kretas. Hier befand sich in minoischer Zeit die größte Siedlung Kretas, Eliá, mit einem bedeutenden Heiligtum des Diktäischen Zeus. Ein in diesem Heiligtum entdeckter Siegelabdruck zeigt einen Jäger mit zwei Hunden, die eine Kretische Wildziege angreifen. In unmittelbarer Nähe fand man zwei Brunnen aus spätminoischer Zeit (ca. 1450 v. Chr.) und darin die Skelette von verschiedenen Säugetieren, Pferden, Schafen, Ziegen, Schweinen usw., 55% dieser Knochen stammten jedoch von Hunden, unter ihnen waren 28 vollständig erhaltene Hundeskelette. Die Hunde waren verschiedenen Alters, vom jungen Welpen bis zum sehr alten Hund, dessen Zähne bis auf die Knochen abgenutzt waren. Wie uns der leitende Archäologe der Ausgrabung, Alexander MacGillivray, erklärte, wurden diese Hunde nach ihrem Tod der Gottheit als Opfer dargebracht. Sie wurden mit Grabbeigaben bestattet, und die Art der Bestattung weist auf den hohen Status des Hundes im minoischen Kreta hin. Der Hund war ein heiliges Tier, denn er war wichtig für die Jagd, die nicht nur der Nahrungsbeschaffung diente, sondern auch eine rituelle Handlung darstellte. Die Jagdbeute, meistens Hase oder Wildziege, wurde als Opfertier verwendet.

Hundeskelett aus Palaikastro

Alexander (Sandy) MacGillivray untersuchte in Zusammenarbeit mit der Archäozoologin Sheila Wall-Crowther die Skelette und stellte fest, daß sie zahlreiche anatomische Merkmale aufweisen, die mit denen des heutigen Kritikós Lagonikós identisch sind, z.B. die Kopfform mit langem Fang, lange Beine, tiefer Brustkorb. Er vertritt die Ansicht, daß es sich bei beiden um dieselbe Hunderasse handelt, der minoische Hund sich also über einen so langen Zeitraum erhalten hat. Um diese These zu beweisen, wurde gentechnisch verwertbares Material aus den Zähnen der Skelette gewonnen. Bereits 1995 wurden Blutproben von 50 Kretischen Jagdhunden auf der ganzen Insel (Sitia, Ierapetra, Ag. Nikolaos, Iraklion, Chania) gesammelt. Diese wurden von einer wissenschaftlichen Arbeitsgruppe des Naturhistorischen Museums der Universität Kreta in Iraklion mit den Proben der minoischen Hunde verglichen. Dabei wurden auch verwandschaftliche Beziehungen zu anderen Hunderassen, vor allem des Mittelmeerraumes überprüft. Daß man Abbildungen ähnlicher Hunde auch auf den anderen griechischen Inseln, in Nordafrika und auch in Ägypten gefunden hat, ist sicherlich kein Zufall. Die Minoer beherrschten zusammen mit den Phöniziern den Handel im gesamten östlichen Mittelmeer zwischen Ägypten und Sizilien. Als wertvolles Handelsgut führten sie die berühmten Kretischen Hunde mit sich und man ging bisher davon aus, daß sie sich so bis zu den Britischen Inseln verbreiteten und die dort vorhandenen Jagdhundtypen beeinflussten. Die aktuelle genetische Untersuchung zeigt eine u.a. eine genetische Nähe zum Cirnecco Del Etna auf Sizilien und dem Kelb Tal Fenek der Insel Malta.

Die Hellenistische und die Römische Epoche

Aus "Die Rassen des Hundes" von Ludwig Beckmann

Wohl kein Hund der griechischen Antike ist von den zeitgenossischen Künstlern so oft dargestellt und beschrieben worden wie der Kretische Hund.
Von 1100 v.Chr. bis 480 v.Chr. beherrschen die Dorer die Insel, die Eteokreter (echten Kreter) ziehen sich in die abgelegenen Bergregionen im Osten der Insel zurück. Das interessanteste Fundstück einer Hundedarstellung aus der sogenannten Geometrischen Epoche Kretas (900-650 v. Chr.) ist eine Metallklinge, die in der Ida-Höhle im Psiloritis-Gebirge gefunden wurde und heute im Museum von Iraklion zu sehen ist (Saal 121, Vitrine 169). In der Nekropole von Orthi Petra bei Eleftherna (900-680 v.Chr.) wurde bei Grabungen unter der Leitung von Prof. Nikos Stampolidis das Skelett eines Hundes gefunden, das alle Merkmale des Kritikos Lagonikos aufweist. Es lag direkt neben der Amphore mit dem Skelett eines etwa 15 Jahre alten Jungen.
Es gibt aus Klassisch-griechischer Zeit (480 v.Chr. bis 67 v.Chr.) viele Hundedarstellungen, vor allem auf Vasen, die entweder den Kretischen oder den Lakonischen Hund zeigen. Meist handelt es sich um Jagdszenen, aber der Kreter wird auch häufig im Zusammenhang mit dem Mythos von Aktaion abgebildet.
Die Römer haben auf Kreta in der Zeit von 67 v.Chr. bis 330 n.Chr. mehrere Mosaiken mit Hundebildern hinterlassen, von denen sich u.a. im Museum von Kastelli-Kissamos einige sehr gut erhaltene befinden.

Eleftherna - Hundeskelett

In der Antike tauchten erstmals Schriftstücke auf, deren Autoren sich mit Hunden oder der Jagd beschäftigt hatten.
Xenophon (430-354 v. Chr.) widmet in seinem Werk „Kunst der Jagd“ den Jagdhunden mehrere Seiten und bezeichnet die Kretischen Hunde als die besten Hasenjäger der Welt neben dem Hund der Lakonier. Auch in anderen Schriftstücken dieser Epoche wird der Kretische Hund als vielseitig verwendbarer Gebrauchshund beschrieben, der kräftig und mutig ist und für die Jagd auf Wildschwein, Wildziege und Hase genutzt wird. Er ist besonders schnell und hält leicht mit dem Pferd Schritt, wird daher als „parippos“ bezeichnet (παρ... = Vorsilbe neben, ίππος = Pferd). Sein großes Durchhaltevermögen bei der Jagd in felsigem und dornigem Gelände trägt ihm das Attribut „diaponos“ ein (διαπόνος = der die Ermüdung überwindet).
Ovid (geb. 43 v. Chr.) schreibt, daß eine Truppe von Jagdhunden undenkbar ist ohne einen guten Kretischen Hund.
Oppian (2.Jh. n. Chr.) beschreibt in seiner Arbeit „Die Jagd“ das Aussehen des Kretischen Hundes sehr genau und es stimmt im Wesentlichen mit dem des heutigen Kritikós Lagonikós überein.

Die Herrschaft der Osmanen

Nach der Römischen Epoche werden die Berichte über die Kretischen Hunde immer spärlicher.
Aus dem Mittelalter ist ein Schriftstück aus Candia (früherer Name von Heraklion) überliefert, in dem es um den Verkauf eines Kretischen Hundes geht. Der Kaufvertrag ist datiert auf den 15.3.1546. Darin wird festgelegt, daß eine weiße Hündin zum Preis von 5 Schafen (davon 3 trächtig) und 2 Ziegen, alle Tiere gesund, den Besitzer wechselt.
Kreta wird in den folgenden Jahrhunderten zum Spielball der Mächte. Mit der Eroberung der Insel durch die Türken 1669 beginnt für die Kreter eine Schreckensherrschaft, die auch vor den Hunden nicht halt macht. Den ohnehin hundefeindlichen Muslimen sind die Hunde der kretischen Bevölkerung ein Dorn im Auge, denn sie sind eine große Hilfe bei der Nahrungsbeschaffung während der Belagerung durch die Türken. 1845 wird ein Erlass bekannt gegeben, daß alle Hunde auf Kreta zu töten sind, um die Kreter an der Jagd zu hindern, die ihnen verboten ist, aber in den abgelegenen Bergregionen v.a. im Osten der Insel überlebt der Bestand.
In dieser Zeit kommen auch die ersten europäischen Reisenden nach Kreta, vor allem Wissenschaftler, die an Landschaft und Natur interessiert sind. Ihnen bleiben auch die aus ihrer Sicht fremdartigen Hunde der Insel nicht verborgen.
Im Jahre 1701 bereist der französische Arzt und Botaniker Pitton de Tournefort Kreta und berichtet darüber in seinem Werk „Bericht einer Reise durch den Orient“ : „Ungeachtet die Chandioten (Kreter) ein sehr gemächliches Leben führen, so pflegen sie doch öfters auszureiten und zu jagen.“ Dann folgt ein Bericht über die Kretischen Pferde, von denen er u.a. sagt: „Sie schicken sich vortrefflich zur Hasenjagd.“
„Alle Hunde auf der Insel Candia (Kreta) sind übelgebaute, sehr rahnige (schlanke, biegsame) Bastardwindhunde, und scheinen von einerlei Rasse zu sein. Ihr Haar ist ziemlich grob und nach ihrer Art zu urteilen, haben sie etwas von dem Wolfe und dem Fuchs. Sie haben nichts von ihrer alten List verloren; sie sind von Natur zur Jagd der Hasen und kleinen Schweine geschickt. Wenn diese Hunde zusammen kommen, so fliehen sie nicht, sondern bleiben einen Augenblick stehen und fangen an, die Zähne aufeinander zu blöcken, welche nicht die häßlichsten Teile ihres Körpers sind. Nach diesem gehen sie mit kaltem Blute wieder voneinander. Dieses ist die einzige Art von Hunden, die man hier antrifft, und wie es scheint, so stammt dieselbe noch von den vorigen Zeiten her. Bei den Alten wird nur von cretensischen und lacedämonischen Hunden geredet, ob sie gleich unseren Windhunden nicht gleich kommen, welche in Asien und Constantinopel sehr gemein sind, wo sie auf den Ebenen von Thracien und Anatolien Platz genug haben, ihre Talente zu üben.
Wir hatten einen von diesen Hunden von Candia, der uns bisweilen in den entferntesten Orten seine Dienste leistete. Arab, so hieß unser Windhund, hatte einen so großen Abscheu für allen Leuten, welche einen Turban oder eine Mütze auf dem Kopf hatten, daß er sich lieber in dem Zimmer unseres Konsuls in einen Winkel verkroch, und ruhig erwartete, bis wir ihm etwas zu fressen gaben, als daß er in die Küche ging. Sobald er aber jemand mit einem Hut erblickte, machte er ihm tausend Liebkosungen. Wir hatten diesen gelehrigen Hund lieb, sobald wir erfuhren, wozu man ihn brauchen konnte, und weil er sich mehr zu uns, als zu anderen Franzosen hielt. Auf dem Lande durfte man ihm nur ein Zeichen geben, das ist, mit den Händen klatschen und ihn drei bis viermal bei seinem Namen nennen, sogleich zog er auf die Jagd, und kam niemals zurück, ohne uns einen Hasen oder ein Schwein mit zu bringen. In den ehemaligen Zeiten waren die Schweine auf der Insel Creta keiner solchen Gefahr ausgesetzt. Man hielt sie für heilige Tiere, wie solches aus einem Fragment des Agarhocles von Babylon erhellt, das uns Athenaeus erhalten hat. Diese Verehrung der Schweine gründete sich indessen bloß auf eine Fabel, nach welcher Jupiter (Zeus) nicht nur auf dem Berge Dicte soll geboren, sondern auch von einem Mutterschweine gesäugt worden sein. Arab und seine Freunde würden um diese Zeit dürre Mahlzeiten gehabt haben. Er begleitete uns bis an die See, als wir weiter segelten. Er stieg aber niemals in ein Schiff; sondern floh für solchem ebenso vorsichtig, als für einem Turban, gleich als ob er auf der Insel bleiben wollte, um für die anderen Franzosen, die daselbst blieben, Hasen oder Schweine zu jagen.

Sonnini de Manoncourt, ebenfalls Franzose, kommt 1778 nach Kreta und veröffentlicht 1801 in Paris seine Reiseerinnerungen unter dem Titel „Reisen in Griechenland und der Türkei“. Er schreibt über den Kretischen Hund:„Ein anderes Haustier, die Hunde, galten ehemals in der Insel Candia (Kreta) wegen ihrer Geschwindigkeit und Leichtigkeit für die besten in ganz Griechenland, nach den lacedämonischen. Allein ihre Rasse ist ausgeartet, besonders seitdem die Türken, die große Feinde der Hunde sind, sich dieses schönen Landes bemächtigt haben. Die Candischen Hunde sind wie fast alle im Orientalischen eine Art von großer Windhunde, denen nichts fehlt außer einer besseren Behandlung, um sehr schöne Hunde zu sein. Allein in diesem Lande der Tyrannei und Sklaverei werden sie überall mißhandelt und verfolgt, und dürfen es kaum wagen, irgend einmal die Anhänglichkeit an den Menschen blicken zu lassen, die ein natürlicher und so kostbarer Instinkt in ihnen ist.“

Der Engländer Pashley berichtet in „Reisen auf Kreta“ im Jahre 1834: "On approaching it my ears were saluted by the loud barking of several dogs: they continued to shew their dislike for strangers, who wore dresses which they were so little used to, for some time after we were settled among them. The Cretan dogs are not so ferocious as those of Albania, where the ancient Molossian breed seems to be preserved, in all its purity, to the great discomfort of European travellers. The Cretan animals are all of one race and are peculiar to the island.
Tournefort calls them „des lévriers bâtards“. They are smaller than the greyhound, and have a longer and rougher coat of hair: their head is somewhat like a wolf: they follow their game by scent, and are very sagacious animals, resembling, in every respect, the lurcher rather than the greyhound. I feel no doubt that these dogs are the undebased descendants of those mentioned by ancient authors. The celebrated dog of Cephalos, to which those of Molossos and Chaonia were proud to trace their pedigree, was supposed to have been obtained by Prokris, from Minos, the mythical king of the island: a fact which alone shews how celebrated the Cretan breed must have been in times of remote antiquity."
"Als ich mich näherte, wurden meine Ohren durch das laute Bellen von mehreren Hunden begrüßt: Sie zeigten weiterhin ihre Abneigung gegen Fremde, die Kleider trugen, an die sie so wenig gewöhnt waren, noch einige Zeit, nachdem wir uns unter ihnen befunden hatten. Die Kretischen Hunde sind nicht so grimmig wie die von Albanien, wo die alte Molossische Rasse in all ihrer Reinheit zu den großen Unannehmlichkeiten der europäischen Reisenden bewahrt zu sein scheint. Die Kretischen Tiere sind alle eine Rasse und sind typisch für die Insel.
Tournefort nennt sie "des lévriers bâtards". Sie sind kleiner als der Greyhound und haben ein längeres und raueres Haarkleid: Ihr Kopf ist ein wenig wie ein Wolf: Sie folgen ihrer Beute durch den Geruch, und sind sehr scharfsinnige Tiere, die in jeder Hinsicht eher dem Lurcher als dem Greyhound ähneln . Ich habe keinen Zweifel daran, dass diese Hunde die unvermindert wertvollen Nachkommen der von den alten Autoren erwähnten sind. Den berühmten Hund von Cephalos, auf den die von Molossos und Chaonia voller Stolz ihren Stammbaum verfolgten, soll Prokris von Minos, dem mythischen König der Insel, erhalten haben: eine Tatsache, die allein zeigt, wie gefeiert die Kretische Rasse in Zeiten der fernen Antike gewesen sein muß."

1869 veröffentlicht der Naturforscher Victor Raulin in Paris seine „Beschreibung der Natur Kretas“, wiederholt aber nur die von den anderen Autoren bereits beschriebenen Eigenschaften des Kretischen Hundes.

Die deutsche Reiseschriftstellerin Maria Espérance von Schwartz, die ihre Schriften unter dem Pseudonym Elpis Melena veröffentlicht, bereist Kreta erstmals 1865 ein Jahr lang. 1868 kehrt sie zurück und lebt 20 Jahre auf der Insel, die noch immer von den Osmanen beherrscht wird. Der grausame Umgang mit den Tieren dort veranlaßt sie, den ersten Tierschutzverein auf Kreta zu gründen, der sich vor allem um die vernachlässigten Pferde und Esel kümmert. Die Hunde der Insel erlebt sie als größtenteils scheue Tiere, was sie auf die Verwilderung und die Bosheit, mit welcher die Menschen sie verfolgen, zurückführt. In ihrem Buch „Erlebnisse und Beobachtungen eines mehr als 20jährigen Aufenthaltes auf Kreta“, das 1892 erscheint, schreibt sie: „Aus Scheu wählen die Hündinnen die ausgehöhlten Stämme hundertjähriger Ölbäume, um ihre zahlreiche Familie zur Welt zu bringen. Eine mir bekannte feine Hündin reiner Windhundrasse entdeckte ich eines Tages in einiger Entfernung von Khalepa mit neun Jungen in solchem Versteck. Ich nahm die ganze Familie mit zu mir, logierte sie in einem guten Hundehaus ein, fütterte sie selbst dreimal täglich und ließ es ihr nicht an freundlicher Behandlung fehlen. Trotz alledem und alledem entfloh sie mir über eine hohe Mauer, sobald ihre Jungen sie entbehren konnten. Wenn ich ihr begegne, schleicht sie mir nach und begleitet mich, um etwas Brot zu bekommen, was ihr nie verweigert wird; aber sie ist so scheu, daß es mir noch nie gelungen ist, sie zu streicheln und zum Einkehren bei mir zu bewegen. Wie viele solche Beispiele könnte ich anführen, die mir als beredter Beweis dienen, daß die „goldene Freiheit“ nicht nur dem denkenden Menschen, sondern auch dem darbenden Straßenhund ein Glück bietet, welches nichts ersetzen kann.“

Die Neuzeit

Ein Schäfer mit seinem Sohn in der Sfakia(1960)

Der Zoologe Conrad Keller, einer der angesehensten Kynologen seiner Zeit, untersucht den Kretischen Hund im Jahr 1902 und stellt fest, dass er zu der Gruppe von Hunden gehört, die als gemeinsamen Vorfahr den Abessinischen Wolf (Canis simensis) hat. Er bezeichnet ihn als reinen Windhund, der seinen ursprünglichen Charakter bewahren konnte: langer, schmaler Kopf, spitze Schnauze, tiefer Brustkorb, lange Beine und sehnige Muskeln. Sowohl im Aussehen als auch in der Verwendung findet er viele Übereinstimmungen mit den Beschreibungen der antiken Autoren.
1931 bekommt Paul Spatz vom Direktor des Berliner Zoos, Geheimrat Heck, den Auftrag, auf der Insel Kreta die berühmten Hunde zu untersuchen. Aber er findet nur rasselose Mischlinge. Auch der Hinweis, dass es in der Gegend von Sitia noch reinrassige Kretische Jagdhunde geben soll, führt nicht zum Erfolg und er vermutet, dass diese Hunderasse ausgestorben sei.

Herr Spatz war wohl einer Besonderheit der kretischen Mentalität zum Opfer gefallen, denn der Kretische Jagdhund war keineswegs ausgestorben. Aber die Besitzer dieser Hunde hielten deren Existenz häufig geheim und hüteten ihren Schatz, so daß es für einen Ausländer schwierig war, einen echten Kritikós Lagonikós zu finden. Nur wenige Jahre später erscheint in der Jagdzeitschrift „Kynigetika Nea“ der Artikel „Die berühmten Kretischen Hunde des Altertums“. Autor ist der bekannte Archäologe Spiridon Marinatos, der 1933 das Archäologische Museum Iraklion leitet. Er ist leidenschaftlicher Jäger und Hundeliebhaber und kennt natürlich die vielen antiken Hundedarstellungen, aber auch die neuzeitlichen Hunde Kretas. Er schlägt die Gründung einer Assoziation für den Schutz und die Entwicklung des Kretischen Jagdhundes vor und hinterlegt für diesen Zweck 500 Drachmen. Leider verlaufen seine Bemühungen im Sande.
Im Jahre 1955 gründet der kürzlich verstorbene Tierarzt und Kynologe Dr. Stavros Basourakos aus Athen die Griechische Kynologische Organisation EKO. Er war wesentlich an der Anerkennung des Ellinikos Ichnilatis (der Spürhund vom Peleponnes) beteiligt und interessiert sich von Anfang an auch für den Kretischen Jagdhund. Fast 40 Jahre lang versucht er, Informationen über diese Hunde zu bekommen, indem er Kontakt zu kretischen Jägern und Jagdverbänden sucht, durch Anzeigen und Artikel in entsprechenden Zeitschriften um Informationen bittet usw. Lange sind seine Bemühungen erfolglos und er sieht Parallelen zur Entwicklung des

Cirnecco del Etna in Italien, dessen „Entdecker“ 60 Jahre bis zur Anerkennung dieser Rasse benötigten. Die Gründe dafür waren sowohl auf Sizilien wie auf Kreta vor allem in der Mentalität der Menschen dort zu finden. Es waren irrationaler Aberglaube (Angst vor dem bösen Blick), Furcht vor Diebstahl der Hunde aber auch einfach eine gewisse Nachlässigkeit im Spiel. Diese Hunde waren seit Generationen nur für den Gebrauch bestimmt und durch natürliche Auslese gezüchtet wurden. An der offiziellen Anerkennung als Rasse hatte kaum jemand Interesse. Im Juli 1961 veröffentlicht Dr. Basourakos folgenden Artikel in der Zeitschrift „Kynophilia“: „Der Kritikós Ichnilátis oder Kritikós Lagonikós ist unumstritten die älteste Jagdhundrasse Europas mit 4000 jähriger Geschichte. Wegen seiner Isolierung in den gebirgigen und ungastlichen Geländen des Hinterlandes Kretas hat diese Rasse fast völlig ihre ursprüngliche Windhundmorphologie beibehalten. Heute jedoch ist die Reinheit der Rasse ernsthaft durch das Rassenmischungsphänomen bedroht, aber es gibt immer noch einige typische Exemplare in den Bergen Ostkretas.“ Dann beschreibt er die Rasse. Im Oktober 1961 erscheint ein Appell an alle Jäger und Jagdverbände mit der Bitte um Hilfe und Informationen unter dem Titel: „Der Wert der griechischen Hunderassen“. Er schreibt: “Der Kritikós Ichnilátis ist ein lebendes nationales und historisches Denkmal. Es besteht die Dringlichkeit zur Nutzung und Entwicklung des Kritikós Ichnilátis, da er als reine Rasse in der unmittelbaren Zukunft verschwinden könnte. Seine offizielle Anerkennung ist notwendig."

1989 gibt es Hilfe durch den ehemaligen Tierarzt-Inspektor Kretas, Ioannis Karavelakis. Er ist auch Präsident der Kretischen Gesellschaft zum Schutz und Erhalt der einheimischen Tierwelt (Παγκρήτιος Σύνδεσμος Προστασίας και Διάσωση της Ιθαγενούς Πανίδας) und berichtet in einer Lokalzeitung von Iraklion detailliert über den Kritikós Ichnilátis in seinem Artikel „Der Schutz der historischen Tierwelt Kretas“.
Im Frühjahr 1994 tragen die Bemühungen von Dr. Basourakos endlich Früchte. Der Züchter Evangelos Geneiatakis aus Ierapetra sendet ihm Informationen und zahlreiche Fotos Kretischer Hunde. Dr. Basourakos ist begeistert! Drei Alben füllen diese Fotos und sie zeigen Hunde unterschiedlichster Farben und von sehr einheitlichem Typ. Im September 1994 fährt er nach Kreta, um eine ausführliche Studie über den Kritikós Ichnilátis durchzuführen. In Ierapetra und Sitia inspiziert und vermisst er die dort versammelten Exemplare nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten, um einen einheitlichen Standard aufzustellen, wie es bereits 1956/57 für den Ellinikos Ichnilatis geschehen war.

Die Situation heute

Cretan Hound Club Crete

Der von Dr. Basourakos aufgestellte Standard wurde von Maria Ginala abgeändert und bildete die Grundlage für die Anerkennung des Kretischen Hundes unter der offiziellen Rassebezeichnung "Kritikós Lagonikós" durch den Kennelclub of Greece (K.O.E.) im März 2003. Die internationale Anerkennung durch die FCI wird angestrebt. Im April 2007 besuchte eine Delegation der FCI die Insel Kreta, um eine Sichtung des Hundebestandes und die Überprüfung des Standards vorzunehmen. Anfang 2015 hat der Deutsche Hundezuchtverband VDH den Kritikós Lagonikós auf nationaler Ebene anerkannt, die Betreuung der Rasse hat der Deutsche Windhundzucht- und Rennverband DWZRV übernommen.

Seit ca. 30 Jahren widmet sich eine Handvoll engagierter Züchter vor allem im Osten Kretas der Aufgabe, diese schönen und ungewöhnlichen Hunde der Nachwelt zu erhalten, und sie nahmen erstmals 1997 mit ihren Hunden an einer Internationalen Ausstellung in Athen teil. Über mehrere Jahre fanden auf Kreta regelmäßig Zuchtschauen statt, um die bei den Jägern und Schäfern vorhandenen Hunde zu sichten und zu beurteilen. Der damals gegründete Verein der Freunde des Kritikos Ichnilatis (OFKI) konnte sich jedoch hinsichtlich der Rassebezeichnung und des Standards nicht mit dem griechischen Hundezuchtverband KOE einigen. Auf Kreta gab es nur einige wenige internationale Ausstellungen, und so waren die kretischen Hundebesitzer gezwungen, nach Athen zu reisen, wenn sie ihre Hunde im Zuchtbuch registrieren und für die Zucht anerkennen lassen wollten. In den ersten Jahren nach Anerkennung der Rasse wurden im Zuchtbuch des KOE ca. 100 Kritikoi Lagonikoi eingetragen. Danach gab es fast ausschließlich Eintragungen durch die wenigen Züchter auf dem griechischen Festland. Die "Original-Kreter" wurden weiterhin überwiegend ohne Ahnentafel und Zuchtbucheintrag nach den althergebrachten Kriterien gezüchtet. Seit einigen Jahren jedoch ändert sich die Situation für die Rasse. Viele vor allem jüngere Hundebesitzer haben erkannt, dass die Rasse in ihrer Ursprungsform nur erhalten werden kann, wenn die Vermischung mit anderen Rassen verhindert wird. Dafür ist es notwendig, die reinrassigen und typischen Exemplare zu registrieren. 2015 wurde der Kritikos Lagonikos Club Kreta OKLA (Ομιλος Κρητικού Λαγωνικού) gegründet, dem KOE angeschlossen, und schon im selben Jahr

gab es wieder die erste Zuchtschau auf Kreta mit guter Beteiligung. Jeder Hund wurde von einem ausgebildeten Richter der Rasse untersucht und 29 von ihnen nach erfolgter Anerkennung ins Zuchtbuch eingetragen. An der genetischen Untersuchung der Rasse (MARS-Studie), die vom Deutschen Windhundzucht- und Rennverband (DWZRV) durchgeführt wurde, nahmen ca. 70 Hunde von Mitgliedern des Clubs teil. Der Club organisiert auch Seminare zu rasserelevanten und allgemeinen Themen für Hundehalter und arbeitet an der Entwicklung eines Jagdeignungstests und der Korrektur des derzeit gültigen Standards. Außerdem werden der Tier- und Umweltschutz unterstützt, die Mitglieder wollen die artgerechtere Hundehaltung fördern und ein besseres Verständnis für Natur und nachhaltigem Umgang mit dieser.
Noch vor wenigen Jahren sagte Maria Ginala: „Die Kreter sind ein freiheitsliebendes Volk, stolz, unabhängig, etwas misstrauisch und eigensinnig. Sie wollen ihre Hunde nicht an Fremde geben und bis auf den heutigen Tag werden die besten Exemplare vor der Öffentlichkeit versteckt. Die Zuchtpraktiken sind hart, und die begrenzten Mittel in der Vergangenheit veranlassten die Einheimischen, alle Rüden (bis auf die besten) zu kastrieren und diejenigen Hunde, die bei der Jagd versagten, zu töten. Daraus resultierte eine außerordentlich starke und gesunde Rasse, allerdings von sehr kleiner Anzahl. Über Jahre wurden sie geheim gehalten, und erst jetzt verlassen sie gelegentlich Kreta, einzig für die seltenen Gelegenheiten, wo sie an den internationalen Hundeausstellungen in Athen teilnehmen. Dort haben die Besucher dann die Möglichkeit, eine wahre lebende Legende zu treffen.“

Internationale Ausstellung Athen, 5.10.1997

Zuchtschau Chania/Kreta 2.4.2003

Chania/Kreta, 2.4.2003

Vorstellung und Anerkennung d. Kritikos Lagonikos im Rahmen der Jagdmesse "Diana" Anna Meindani mit Talos u. Ariadni, Vassilis Kommatas und Giannis Geneatakis mit Dhias u. Zoiroula, Giannis Giannikas mit Gaia u. Pasiphae, Manolis Petrakis mit Falkona, Nikos Anetakis mit Flora u. Kartsonis

Zuchtschau Kreta 2015

Zuchtschau Heraklion/Kreta, 26.7.2015

Die Organisatoren und der Richter Stelios Makaritis (mit Astrid Collett)

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